Bericht einer Angehörigen

Meine Mutter ist alkoholkrank, nun jedoch schon seit einiger Zeit trocken. Ich bin sehr stolz auf sie und das, was sie geschafft hat. Sicherlich wäre ich nicht in der Lage, meine Geschichte hier so zu berichten, hätte ich nicht die Hilfe einer Gruppe für Alkoholkranke und deren Angehörige erhalten. Als ich zu dieser Gruppe stieß, war ich an einem Punkt angelangt, an dem ich nicht mehr weiter wusste.

Meine Mutter fing erst sehr spät in Ihrem Leben mit dem Trinken an. Insofern war ich mit der Alkoholabhängigkeit nicht aufgewachsen; der Umgang mit diesem Problem war jedoch nicht minder schwierig für mich. Alleine mir selbst einzugestehen, dass es da ein Problem gab, dauerte unendlich  lange, denn nicht nur Alkoholiker sind im Verdrängen ziemlich gut. In meiner damaligen Naivität dachte ich jedoch, wenn ich das Problem bei meiner Mutter einfach anspreche und sie bitte aufzuhören, würde das schon irgendwie funktionieren. Schließlich würde ich für meine Familie ja auch alles tun. So einfach war das jedoch nicht. Es folgten unendlich viele weitere Gespräche, die letztlich mehr oder minder alle gleich verliefen und mit den gleichen Beteuerungen endeten: jetzt wird aufgehört mit dem Trinken! Sicherlich muss ich nicht erzählen, dass dies natürlich nicht gut ging. Meine Mutter war noch nicht an dem Punkt angekommen, wo sie selbst von dem Alkohol loskommen wollte. Indes drehte sich mein Leben eigentlich nur noch um das meiner Mutter. Ich hatte auch nicht wirklich das Gefühl, mich irgendjemandem anvertrauen zu können, außer meinem Bruder und meinem Vater. Jedoch meinte ich, dass ich auch für diese beiden stark sein müsste, und mein persönlicher Leidensdruck wurde von Tag zu Tag größer. Im Internet suchte ich nach Hilfe und stieß letztlich auf die Homepage einer Gruppe für Alkoholkranke und deren Angehörige.

Ich war unendlich aufgeregt bei meinem ersten Besuch der Gruppe, doch vor allem hatte ich eins: tausend Fragen. Ich wurde unheimlich toll von der Gruppe aufgenommen. Alle meine Fragen wurden mit einer schonungslosen Ehrlichkeit beantwortet. Ich lernte die Geschichten der Teilnehmer kennen, die unterschiedlicher nicht hätten sein können, jedoch auch alle so gleich waren. Die Gruppe hörte mir zu, ich wurde verstanden, man machte mir Mut, wir schwiegen zusammen, aber wir haben auch gemeinsam gelacht. Ich schöpfte neuen Mut und auch die Kraft, die ich brauchte, um meiner Mutter klarzumachen, dass es so nicht weiterging. Ich ließ mich nicht mehr beschwichtigen und drohte damit, den Kontakt abzubrechen und tat dies dann auch für einige Zeit. Dies war so ziemlich die schwerste Zeit für mich. In der Gruppe unterstützte man mich sehr – alleine hätte ich diesen Schritt wahrscheinlich nicht gemacht. Meine Mutter kam irgendwann an den Punkt, wo sie sich dann auch tatsächlich helfen lassen wollte. Sie begann eine ambulante Therapie, die sie vor ein paar Monaten erfolgreich beendet hat. Während der Therapie und natürlich auch noch heute besucht sie regelmäßig eine Gruppe, in der sie sich sehr wohlfühlt und die ihr auch viel Kraft gibt. Sie hat unglaublich viel neues Selbstbewusstsein aufgebaut und hat ihr Leben wirklich umgekrempelt – ich bin einfach nur unglaublich stolz auf sie.

Die Gruppe hat mir geholfen, Dinge anzugehen. Was ich jedoch dort auch wieder gelernt habe ist, dass ich wieder auf mich selbst achten muss, und dass auch ich wichtig bin.  Ich kann nur jedem Angehörigen raten, Hilfe in einer Gruppe zu suchen, denn nicht nur Betroffene brauchen Hilfe, sondern auch deren Angehörige!